Samstag, 18. August 2012

Schattenspieler - Jugendabenteuerroman zur Zeit des zweiten Weltkriegs

Der zweite Weltkrieg nähert sich seinem Ende. Berlin ist stellenweise total ausgebombt und die verbliebenen Einwohner warten auf den Einmarsch der Alliierten. Auch Wilhelm und Leo leben hier in einem teilweise zerstörten Haus, seitdem Wilhelm Leo vor den Nationalsozialisten gerettet hat. Leos Eltern sind tot und als Jude ist es für ihn lebensgefährlich, entdeckt zu werden. Wilhelm geht hier ein großes Risiko auch für seine eigene Sicherheit ein.
Bei einem erneuten Luftangriff wird das Haus erneut beschädigt. Als Leo nach einer kurzen Bewusstlosigkeit wieder erwacht, sucht er Wilhelm jedoch vergebens. Von ihm ist keine Spur zu finden. Im Keller wird Leo von zwei Soldaten überrascht und Hals über Kopf flüchtet er durch die benachbarten Keller aus dem Haus. Mühevoll schlägt er sich bis außerhalb von Berlin durch und wird auf einem abgelegenen Hof heimlich Zeuge eines Doppelmords durch einen gewissen Sommerbier. Erneut rennt Leo davon und wird nach einem erschöpften Schlaf in einer Feuerwache von russischen Soldaten aufgegriffen. Den Tod schon vor Augen wird der Junge jedoch durch die erkennbaren Überreste seines entfernten Davidsterns gerettet und mutiert zum Maskottchen der Einheit, das sie zurück in die Stadt führen soll. Wird Leo überleben und wird er Wilhelm jemals wiedersehen?

Parallel dazu lebt Friedrich relativ behütet mit seiner Mutter und seiner blinden Schwester in einer Villa in einem noch relativ gut erhaltenen Stadtteil Berlins. Die Vortäuschung von Taubheit hat ihn bis jetzt davor bewahrt in die Fänge des Miitärs zu geraten. Doch dann erreicht ihn die Nachricht, dass sein Vater, der sich bereits vor Jahren von seiner Familie abgewendet hat, gefallen ist. Dabei erfährt er, dass sein Vater irgendetwas für seine Familie in einer Grabstätte versteckt hat. In der Nacht macht er sich heimlich auf den Weg, das Geheimnis zu ergründen. Er wird fündig und bringt den Gegenstand seines Suchens zurück nach Hause. Hier entdeckt er gemeinsam mit seiner Mutter, um was es sich bei dem vermeintlichen "Schatz" handelt.

Währenddessen Sommerbier, ein aktiver Nationalsozialist, Armeemitglied und von Seiten der Allierten gesuchter Verbrecher, sich ebenfalls auf dem Weg nach Berlin befindet. Mit dabei hat er 28 geheimnisvolle Kisten, die er verstecken will, um von deren Inhalt später zu profitieren. Hierbei macht er vor nichts und niemanden halt und verfolgt skrupellos seinen Weg. Was befindet sich wohl in den Kisten?

War es zum Anfang hin noch ein wenig schwer, den diversen Handlungssträngen zu folgen und die einzelnen Charaktere auseinanderzuhalten, schlug dies beim weiteren Lesen in Begeisterung um, wie wunderbar und kunstvoll Michael Römling genau diese Handlungsstränge immer wieder miteinander verbunden hat. Dabei ist das zentrale Ziel aller Beteiligten die Suche nach den 28 Kisten. Wer wird sie zuerst entdecken?

Die Auswirkungen des Krieges auf Land und Leute fand ich wirklich gut beschrieben. Die Zerstörungen von Berlin, die Übergriffe der einziehenden Soldaten gegenüber den deutschen Frauen und die teilweise vorherrschende Wertlosigkeit eines einzelnen Menschen wurden vom Autor sehr schön erklärt. Die Bilder sind zum Teil direkt vor meinem geistigen Auge entstanden und haben mich auch lange danach nicht wieder losgelassen. Immer wieder hat Michael Römling Stücke der deutschen Geschichte gekonnt mit einfließen lassen und verdeutlicht dabei, wie schlimm das Leben zu der damaligen Zeit war. Und doch gab es auch damals immer wieder Menschen, die sich in dieser furchtbaren Zeit ihre Menschlichkeit bewahrt haben und zum Teil auch kleine oder große Helden waren. Und obwohl manche Sequenzen des Buches heftige Momente der Vergangenheit widerspiegeln, sind die Beschreibungen so gehalten, dass nicht nur Erwachsene, sondern auch Jugendliche sie noch lesen können, mit dem Blick, auf das, was war und hoffentlich nie wieder sein wird, ohne dass die Beschreibungen sie in Angst versetzen. Das finde ich wirklich gelungen.


Die Charaktere der Geschichte sind, meiner Meinung nach, jeder für sich etwas Besonderes. Angefangen mit dem tapferen Leo, der trotz aller Geschehnisse, seinen Mut und Lebenswillen nicht verloren hat, über die blinde Marlene, die die Welt auf ihre eigene Art wahrnimmt und dabei soviel mehr als andere sieht, bis zum russischen Oberst Sirinow, der sich trotz der Kriegsschrecken eine zeitweilige Feinfühligkeit und Anteilnahme bewahrt hat. Mit diesen Aufzählungen könnte ich noch lange weitermachen, denn jeder Charakter des Buches zeichnet sich durch irgendetwas aus, selbst der verachtenswerte Sommerbier, der die Kriegswirren dreist und gewitzt für sich ausnutzt.
Und nicht nur die Personen der Geschichte sind so beachtenswert, sondern auch viele kleine Momente der Handlung, die man nicht gedankenlos an sich vorbeiziehen lassen sollte. An einer Stelle zum Beispiel bekommt der Davidsstern, der üblicherweise als Zeichen der Wertlosigkeit der Juden und deren drohenden Untergangs gilt, eine völlig neue und rettende Bedeutung. Bei einer anderen erweist sich die blinde Marlene als einzig Sehende.

"Schattenspieler" ist einer spannender Jugendabenteuerroman, der mich durchgehend gefesselt und mich auch später nicht mehr losgelassen hat. Ich kann ihn nur jedem empfehlen und würde dabei dem Leser nahelegen, sich ausreichnend Zeit für diesen wahren Lesegenuss zu nehmen, damit all die schönen Momente, die ich angesprochen habe und von denen es noch viel mehr gibt, nicht unbeachtet an einem vorbeiziehen, sondern ausreichend beachtet werden.

Das Cover des Buches ist ebenfalls etwas Besonderes. Während das eigentliche Buchcover eine Straßenkarte des alten Berlins ist, wird es von einer leicht durchsichtigen Schutzhülle umgeben, die wunderschön gestaltet ist und nun ein absoluter Hingucker in meinem Bücherregal ist.
Erwähnenswert ist auch das dem Buch angehängte Glossar, das all jenen, die keine tiefergehenden Kenntnisse aus der damaligen Zeit besitzen, die gängigen Begriffe erklärt.