Montag, 1. Oktober 2012

Der Feuerstein - ein fantastischer Auftakt

Als kleines Kind wurde Prinzessin Elisa kurz vor ihrer Namensgebung von Gott auserwählt. Seitdem ist sie die Trägerin eines Feuersteins, der in ihrem Nabel ruht und fest mit ihrem Körper verbunden ist. Da Gott nur alle hundert Jahre jemanden auserwählt, macht das Elisa zu etwas Besonderem. So studiert sie schon von früh an die alten Schriften und Sprachen. Doch eigentlich will sie gar nicht besonders sein und würde diese Aufgabe nur zu gerne an ihre wunderschöne, ältere Schwester Alodia abgeben. Da sie stets das Gefühl hat, dass ihr ihre Schwester die Schuld am Tod der Mutter gibt und immer nur alle über sie, aber selten mit ihr sprechen, hat Elisa ihr Minderwertigkeitsgefühl stets mit vielem Essen kompensiert. Dies führte zu einer ziemlichen Leibesfülle, durch die sich Elisa obendrein noch unwürdiger fühlt. Einzig ihre Kinderfrau Aneaxi und ihre Zofe Ximena sind ihre Vertrauten. Doch auch diese erwarten von dem klugen und liebenswerten Mädchen, das so tief in seinen Selbstzweifeln verstrickt ist, große Heldentaten.

An ihrem sechzehnten Geburtstag wird Elisa Knall auf Fall mit dem gutaussehenden Alejandro, dem König des großen Nachbarreiches Joya D´Arena vermählt, um gleich am nächsten Tag mit ihm in sein Königreich zu ziehen. Alejandro ist sehr freundlich zu Elisa und bedrängt sie nicht, so dass Elisa von dem hübschen, jungen Mann mehr und mehr fasziniert ist. Erst später erfährt sie die ganzen Gründe ihrer Hochzeit. Doch bereits auf dem Weg in Alejandros Heimat bekommt Elisa die erste Gelegenheit, sich zu beweisen.

Dort angekommen verheimlicht Alejandro zunächst ihre Ehe und Elisa wird tief in politische Verwicklungen hineingezogen. Erst ihre Entführung unter kargen Bedingungen bringt jedoch Elisas starken Charakter an den Tag und fern von ihrem neuen Zuhause muss sie sich fast täglich behaupten. Sie wächst an ihren Anforderungen und besticht nicht nur durch ihre Klugheit, sondern auch durch Mut und Tapferkeit. Gemeinsam mit neuen Verbündeten macht sie sich daran, die Feinde ihres Mannes zu bekämpfen.

"Der Feuerstein - Eine magische Reise beginnt" ist im Präsens in der Ich-Form, aus der Sicht von Elisa geschrieben. Dadurch erschien mir die Handlung sehr lebendig. Des Weiteren haben die sehr schönen, bildlichen Beschreibungen der Landschaft und der Charaktere einige Szenen direkt vor meinem geistigen Auge erscheinen lassen. Während der ganzen Handlung fühlte ich mich durchweg gefesselt und während der abwechslungsreichen Geschichte zudem ausgesprochen gut unterhalten. Ich fand es sehr schön, dass die Protagonistin hier mal ausnahmsweise nicht der Männermagnet ist und durch ihr Selbstbewußtsein besticht, sondern dass sich Elisa erst langsam entwickelt hat und an den Gegebenheiten gewachsen ist. Und ohne es darauf anzulegen, hat sie sich dabei selbst ihren Wünschen und Zielen ein ganzes Stück näher gebracht.
Auch die anderen Charaktere sind sehr vielschichtig und lassen sich nicht so einfach in gute oder böse Schubladen stecken. Sie alle sind etwas Besonderes und einige von ihnen, habe ich richtiggehend liebgewonnen. So wie wir alle in der Realität nicht ausschließlich einer Kategorie angehören und manche unserer Taten von unserem eigentlichen Charakter abweichen, so sind die Charaktere auch hier nicht eindeutig zuzuordnen. Auch sie machen Fehler und so sind manche, die zum Anfang noch als gut erschienen, doch auch oft viel zu schwach, während der ein oder andere Böse sich vielleicht doch noch als grundlegend guter Mensch erweist. Das Leben ist nicht nur schwarz und weiß und Wahrheit und Lüge liegen oft im Auge des Betrachters - ganz wie in dieser Geschichte. Das hat mir ausgesprochen gut gefallen und hat den Roman in meinen Augen noch spannender gemacht.

Der zentrale Faden des Romans von Rae Carson ist definitiv der Feuerstein. Er ist es, der Elisa zu einer Auserwählten macht und, der sie - je nach seiner Temperatur - vor Gefahren warnt oder warm und wohltuend beruhigt. Er ist auch der Grund dafür, dass so viele Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen hinter Elisa her sind, so dass diese Umstände sie zwingen, aus ihrer Unscheinbarkeit herauszutreten und ihr Leben tatkräftig in die Hand zu nehmen. Und letztendlich sind es auch die magischen Kräfte des Feuersteins, die Menschen vernichten oder beschützen können. Die Feuersteine sind schicksalsbestimmend nicht nur aufgrund ihrer Kräfte, sondern auch aufgrund des Glaubens, den die Menschen an sie haben, der ihnen noch zusätzliche Macht verleiht.

Schön fand ich auch, dass das Ende wenigstens zum Teil abgeschlossen wirkte, wenn auch noch viele Dinge offen sind, die hoffentlich bald in einer Fortsetzung geklärt werden. "Der Feuerstein" hat mir außergewöhnlich gut gefallen und ich kann ihn nicht nur Jugendlichen vollauf empfehlen. Rae Carsons Debütroman ist ein spannendes Jugendfantasybuch, das mich von Anfang an verzaubert hat und ich hoffe, bald noch mehr von Elisa und ihren Freunden lesen zu dürfen.

Vielen Dank an den "Heyne fliegt"-Verlag, der mir dieses wundervolle Buch zur Verfügung gestellt hat. Alle wichtigen Daten über das Buch, sowie eine Leseprobe findet Ihr genau hier.